Dmitrij Dobrovol'skij

Zwei deutsche Phrasem-Konstruktionen mit ihren translatorischen Äquivalenten im Russischen

Im Deutschen finden sich zwei quasisymmetrische Kookkurrenzen vor sich hin und vor sich her. Diese Wortverbindungen sind relativ gebräuchlich, aber trotzdem aus semantisch-theoretischer Sicht kaum erforscht und lexikographisch unvollständig beschrieben.[1] Sie sind zumindest aus anderssprachiger Perspektive in hohem Maße idiosynkratisch, d.h. wenn sie nicht als Phraseme gespeichert sind, ist ihr adäquates Verständnis, geschweige denn ihr korrekter Gebrauch, kaum möglich, weil sich ihre Bedeutung nicht additiv aus den Bedeutungen der Bestandteile ableiten lässt.

Für eine genauere semantische Erfassung dieser Kookkurrenzen muss das Verb, das diese Konstruktionen als Adverbial regiert, immer mit berücksichtigt werden, denn in den relevanten Fällen hängt die jeweilige Interpretation des Phraseme vor sich her und vor sich hin von der Wahl des Verbs ab.[2] Es ist grundsätzlich möglich, die adverbialen Konstruktionen vor sich hin und vor sich her als relativ selbständige, semantisch unterspezifizierte Lexikoneinheiten (die in diesem Fall als grammatische Phraseme qualifiziert werden können) zu beschreiben. Eine solche Beschreibung wäre aber sowohl aus kombinatorischer als auch aus semantischer Sicht unvollständig, weil die Wahl des Verbs bestimmten Restriktionen unterliegt und die Bedeutung der Konstruktion je nach semantischer Klasse des Verbs stark variiert. Es handelt sich dabei also um die Konstruktionen [vor sich hin + V] und [vor sich her + V].

In Hinsicht auf die Semantik der deiktischen Elemente hin und her werden von den Untersuchungsergebnissen dieser Konstruktionen innovative Erkenntnisse erwartet. Die traditionell als zentral angesehene Bedeutung der deiktischen Elemente hin und her in die Richtung vom Sprecher weg bzw. in die Richtung des Sprechers kommt eigentlich eher selten vor. Erstens ist das Subjekt der Deixis mit dem Sprecher meistens nicht identisch. Es handelt sich dabei eher um das Subjekt der Betrachtung.[3] Zweitens haben diese deiktischen Elemente auch weitere Bedeutungen entwickelt. So drückt hin z.B. auch die Idee von oben nach unten bzw. von irgendwo in Richtung des dafür vorgesehenen Ortes aus; vgl. etw. hinstellen, hinsetzen, hinlegen. So unterscheidet sich die Kookkurrenz etw. vor sich hin singen von etw. singen eben dadurch, dass das betreffende Singen sozusagen nicht für die anderen bestimmt ist, d.h. nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten geht, und dabei unmittelbar vor sich platziert ist.

Auch bei her in der Konstruktion [vor sich her + V] zeichnen sich völlig nichttradionelle Bedeutungen ab. So fokussiert z.B. her in der Äußerung Er schiebt den Wagen vor sich her nicht die Position des Sprechers (und nicht einmal die Position des potentiellen Betrachters), sondern die Idee der parallelen Bewegung, d.h. der Wagen bewegt sich parallel zum Kausator der Bewegung: in die gleiche Richtung und mit der gleichen Geschwindigkeit.

1. Phrasem-Konstruktion [vor sich her + V]: kombinatorisch-semantische Varianten und deren Übersetzung

Das adverbiale Phrasem vor sich her, das den Kern der PhK [vor sich her + V] bildet, zeichnet sich durch eine grundsätzlich spatiale Bedeutung aus. Dabei handelt es sich um eine konkrete Realisierung der Matrix-Konstruktion [Prepspatial Ndat her]. In (Krause, Baerentzen 2010: 21, 43; 46) wird in Anlehnung an (Marcq 1988) darauf hingewiesen, dass Konstruktionen wie [hinter Ndat her], [vor Ndat her], [neben Ndat her], [zwischen Ndat her] ihre eigene Bedeutung haben, und zwar drücken sie die Fortbewegung in der gleichen Richtung, mit gleicher Geschwindigkeit aus. Dabei handelt es sich eben um die Konstruktionsbedeutung und nicht um die Bedeutung eines präfigierten Verbs.

Es ist also wenig nützlich, Partikelverben anzunehmen wie herrennen, herlaufen, herstiefeln, herstolpern, herstöckeln, hertorkeln, herkriechen in den Fällen, wo man es mit den Kombinationen vor + Dativ, hinter + Dativ und neben + Dativ + her zu tun hat, die alle eines gemeinsam haben, nämlich auszudrücken, dass zwei Teilnehmer sich in der gleichen Geschwindigkeit fortbewegen. Das Verb präzisiert nur, auf welche Art und Weise das geschieht, aber es ist zum Ausdruck dieser Relation nicht notwendig. Wörterbücher[] und Grammatiken tendieren zur Einordnung als Verbalpartikel, müssen sich dann aber den Vorwurf gefallen lassen, dass sie sehr unvollständig sind und auch unlogisch, denn semantisch betrachtet gehört her zu hinter / vor / neben + Dativ und nicht zum Verb. (Krause, Baerentzen 2010: 21)

Dies wird deutlich, wenn man Beispielsätze wie Er schleicht hinter ihr her; Er schleicht hinter ihr; Er schleicht her miteinander vergleicht. Verzichtet man auf das her, ist nicht klar, ob sie sich bewegt oder schläfrig in einem Sessel sitzt <>. Lässt man hinter ihr weg, hat man es mit einer ganz anderen Information zu tun: Jemand nähert sich dem Beobachter (Krause, Baerentzen 2010: 21).

Das Phrasem vor sich her, das auf die Konstruktion [Prepspatial Ndat her] zurückgeht, wird grundsätzlich als Bestandteil VP-Konstruktionen der folgenden Typen gebraucht.

(1) Frauen, Männer und Kinder schieben Rollwagen mit Grills, Herdplatten, Friteusen oder ganze Garküchen vor sich her, reihen sich nebeneinander auf und beginnen zu kochen. [DWDS: Zeit-Corpus 2008]

(2) Johann stieg sofort aus, zwängte sich zwischen Kohlen und Lastwagen hinaus, Tell vor sich her befehlend. [DeReKo]

(3) Der Bund schiebt einen seit Jahrzehnten angehäuften Schuldenberg von mehr als 900 Milliarden Euro vor sich her. [DWDS: Zeit-Corpus 2008]

Bei (1) haben wir es mit der Konstruktion [vor sich her + VCausMotion] zu tun: Das adverbiale Phrasem vor sich her verbindet sich mit einem transitiven Verb der verursachten Bewegung. Bei (2) handelt es sich um eine metonymische Erweiterung der PhK [vor sich her + VCausMotion], indem ein Verbum dicendi durch die entsprechende konstruktionelle Einbettung als ein Prädikat der verursachten Bewegung interpretiert wird: [vor sich her + VDicendi], und bei (3) um eine semantisch reinterpretierte, d.h. idiomatisierte Lesart der erstgenannten PhK [IDIOM [vor sich her + VCausMot]].

Die uns interessierenden PhK mit dem Adverbial vor ich her im Kern können damit als Glieder der folgenden Vererbungskette dargestellt werden: [Prepspatial Ndat her] → [vor sich her] → [[vor sich her + VCausMotion] → mit der Variante [vor sich her + VDicendi]] → [IDIOM [vor sich her + VCausMotion]].

In den hier untersuchten Texten des deutsch-russischen Parallelcorpus finden sich insgesamt nur 7 Treffer: 5 davon repräsentieren die spatiale Konstruktion [vor sich her + VCausMotion] und 2 ihre idiomatisierte Version [IDIOM [vor sich her + VCausMotion]]. Die Belege zeigen, dass es hier keine standardmäßige Übersetzung gibt, was auch verständlich ist, denn das Russische hat keine korrelierende PhK. Im Rahmen der spatiale PhK wird vor sich her entweder überhaupt nicht übersetzt, wie in (4), oder die Übersetzung fokussiert die rein lokative Komponente (Objekt-Locus in Bezug auf das Subjekt), während die Idee der parallelen Bewegung unausgedrückt bleibt: vgl. prjamo pered soboj direkt vor sich in (5).

(4) Umgekehrt ist ein reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst noch den Tag zu verkürzen und zu beschwingen, ins Große gerechnet jedoch verleiht er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so daß ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, leeren, leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen. [RNC: Th. Mann. Der Zauberberg]

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(5) Er hatte den Deckel der Tasche nach hinten geschlagen und trug die Tasche vor sich her mit einem Gesichtsausdruck, wie ich ihn auf Bildern von den Heiligen Drei Königen gesehen habe, die dem Jesuskind Weihrauch, Gold und Myrrhe hinhalten. [RNC: H. Böll. Ansichten eines Clowns]

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Ähnlich verhält es sich mit der Übersetzung der idiomatisierten PhK; vgl. Kontext (6), in dem der Kontrast zwischen dachte an Marie und schob die Zukunft vor mir her unausgedrückt bleibt, sowie Kontext (7) mit einer sehr freien, idiomatischen Übersetzung der betreffenden Konstruktion.

(6) Ich gurgelte mit einem Rest Schnaps nach, schminkte mich mühsam ab, legte mich wieder ins Bett und dachte an Marie, an die Christen, an die Katholiken und schob die Zukunft vor mir her. [RNC: H. Böll. Ansichten eines Clowns]

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(7) Etwas anderes, Neues kam über ihn, bemächtigte sich seiner und trieb seine müden Gedanken vor sich her... [RNC: Th. Mann. Buddenbrooks]

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2. Phrasem-Konstruktion [vor sich hin + V]: kombinatorisch-semantische Varianten und deren Übersetzung

Diese PhK weist zwar bestimmte spatiale Spuren in ihrer Semantik auf, hat aber grundsätzlich eine abstrakte Bedeutung entwickelt. Die Bedeutung dieser Konstruktion kann annähernd wie folgt erfasst werden: Sie bringt zum Ausdruck, dass jemand etwas mehr oder weniger selbstvergessen tut, ohne sich groß um seine Umwelt zu kümmern (Krause, Baerentzen 2010: 128). Vgl. auch ihre Beschreibung in (Duden-GWDS 1999): (ganz für sich u. in gleichmäßiger Fortdauer): vor sich hin schimpfen, reden, weinen bzw. (ohne die Umwelt zu beachten, für sich): murmeln, reden, gehen[4]

Die Bedeutung des Adverbials vor sich hin variiert ziemlich stark in Abhängigkeit von der semantischen Klasse des Verbs, das an der PhK [vor sich hin + V] teilnimmt. Es zeichnen sich zumindest die folgenden kombinatorisch bedingten Verwendungen von vor sich hin ab:

 

(i) in Kombination mit Verben, die einen potentiellen Mitteilungswert aufweisen (VCommPot); vgl. sprechen, murmeln, nuscheln, fluchen, schimpfen, singen, summen; kichern, grinsen, gähnen; lachen, heulen, weinen;

(ii) in Kombination mit Verben, die einen langsam vor sich gehenden, inaktiven, meistens unkontrollierten Prozess oder den entsprechenden Zustand bezeichnen (VProc/StateAnim), der oft die Verschlechterung des Zustandes eines lebenden Organismus, besonders eines Menschen, ausdrückt; vgl. welken, vegetieren, leben, dösen, kränkeln;

(iii) in Kombination mit bestimmten mentalen Verben (VMent); cf. denken, überlegen, sinnieren;

(iv) in Kombination mit Verben, die sich auf Nichtlebewesen beziehen und einen langsamen, inaktiven, unkontrollierten Prozess bezeichnen (VProc/StateInanim); vgl. tröpfeln, köcheln, brennen, dümpeln, gären, rosten; diese Verwendung kann als eine metaphorische Erweiterung von (ii) angesehen werden;

(v) in Kombination mit Verben, die langsam vor sich gehende, länger andauernde, monotone Tätigkeiten bezeichnen (VAct); vgl. arbeiten, sortieren, dilletieren; diese Verwendung korreliert mit (ii);

(vi) in Kombination mit Verben der Bewegung (VMotion); vgl. tanzen, taumeln, hüpfen, fahren etc.;

(vii) in Kombination mit Verben der visuellen Wahrnehmung (VVisual); vgl. starren, blicken, schauen, sehen, glotzen, stieren.

Die letztgenannte Kookkurrenz stellt einen Grenzfall dar, weil sie grundsätzlich zwei verschiedene Interpretation zulässt: Sie kann einerseits als eine Realisation der Konstruktion [vor sich hin + V] und andererseits als eine Realisation der Konstruktion [vor sich + hinV] verstanden werden. Vgl. (8).

(8) Messen Sie dem Lachen nicht zuviel Bedeutung zu, sagte das Mädchen zu K., der, wieder traurig geworden, vor sich hinstarrte und keine Erklärung zu brauchen schien, dieser Herr ich darf Sie doch vorstellen? [RNC: F. Kafka. Der Prozess]

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Wortverbindungen wie vor sich hin starren kann man sowohl im Sinne der uns interessierenden Konstruktion [vor sich hin + V] als auch als eine Kombination eines hin-Verbs (vgl. die Schreibweise hinstarren in (8)) mit dem lokalen Adverbial vor sich verstehen, weil die Kookkurrenz vor sich (hin) grundsätzlich auch im lokalen Sinn interpretiert werden könnte. Kennzeichnend ist auch die russische Übersetzung dieses Adverbials in (8) pered soboj, die nur eine lokative Interpretation zulässt.

Trotz des Grenzcharakters dieser Kookkurrenz wird sie hier als eine Variante der Konstruktion [vor sich hin + V] behandelt, weil die Idee des In-sich-gekehrt-seins stärker als die lokale Bedeutungskomponente ausgeprägt ist.[5]

Die als (i) bis (vii) aufgezählten Kookkurrenz-Typen betrachte ich nicht als verschiedene Sememe der zugrunde liegenden Matrix-Konstruktion, sondern im Sinne des in der Konstruktionsgrammatik favorisierten Begriffs coercion, d.h. es wird eine allgemeine, unterspezifizierte semantische Grundlage für die Konstruktion [vor sich hin + V] postuliert, nämlich die Bedeutung der Inaktivität und der schwachen Kontrollierbarkeit, die dann je nach Kontext modifiziert wird. Da im invarianten Bedeutungskern des adverbialen Phrasems vor sich hin das Merkmal durativ bzw. iterativ vorhanden ist (welches in anderen Sprachen, z.B. im Russischen, in der Regel durch das Grammem des imperfektiven Aspekts ausgedrückt wird), kann man hier von der Grammatikalisierung sprechen.

Die Verbindung des grammatischen Phrasems vor sich hin mit dem jeweiligen Verb liefert ein semantisches Resultat, das bestimmte Aspekte enthält, die aus den Bedeutungen der unmittelbaren Konstituenten [vor sich hin] und [V] nicht völlig vorhersagbar sind. Folglich entspricht die resultierende Kookkurrenz [vor sich hin + V] den bekannten Definitionskriterien einer Konstruktion und lässt sich mit dem KxG-Apparat am besten analysieren und beschreiben.

Wenden wir uns nunmehr den parallelen Texten zu. In dem analysierten Corpus kommt die PhK [vor sich hin + V] insgesamt 69 Mal vor.[6] Die Verteilung sieht dabei folgendermaßen aus: 46 Kontexte mit (i), 3 mit (ii), 1 Beleg mit (iii), 2 mit (vi) und 17 mit (vii). Mit anderen Worten, zahlenmäßig gut vertreten sind nur zwei PhK-Versionen: [vor sich hin + VCom] und [vor sich hin + VVisual].

Die PhK [vor sich hin + VCom] wird in manchen Fällen überhaupt nicht übersetzt (9), in anderen wird die Idee, die im Deutschen mithilfe des adverbialen Phrasems vor sich hin mitgeteilt wird, in der morphologischen Struktur des Verb ausgedrückt (10-11). Interessanterweise wird dabei im Russischen ein Verb im perfektiven Aspekt eingesetzt, wobei angenommen werden könnte, dass dieses Grammem dem Merkmal der Durativität bzw. Iterativität widerspricht. Dem ist aber nicht so. Denn eine der Funktionen des Perfektivs besteht in der Markierung der Reihenfolge einzelner Handlungen. In solchen Fällen dominieren die Prioritäten der Vertextung bei der Wahl der Aspektform. Oft handelt es sich dabei um die Fokussierung des ingressiven Moments einer potentiell durativen Aktivität (12-13).

(9) Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und beinahe etwas schwermütigen Lächeln. [RNC: Th. Mann. Buddenbrooks]

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(10) Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurück und brummte etwas vor sich hin. [RNC: G. Meyrink. Der Golem]

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(11) Die Sphinx murmelte unvernehmlich vor sich hin, und rauschte mit den Flügeln. [RNC: Novalis. Heinrich von Ofterdingen]

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(12) Ich steckte mir die drittletzte Zigarette an, nahm die Guitarre wieder hoch und klimperte ein bißchen vor mich hin. [RNC: H. Böll. Ansichten eines Clowns]

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(13) Ich sang auch jetzt leise vor mich hin und merkte erst im Singen, daß es Verse waren. [RNC: H. Hesse. Peter Camenzind]

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In manchen Fällen wird im Russischen die Form des Prädikats gewählt, die die Durativität betont, wobei alle anderen semantischen Merkmale des Phrasems vor sich hin unausgedrückt bleiben; vgl. (14) und (15).

(14) Der andere Maler aber schüttelte seine Locken aus dem Gesicht und trällerte, während er sein Pferd aufzäumte, ruhig ein Liedchen vor sich hin, []. [RNC: J. von Eichendorff. Aus dem Leben eines Taugenichts]

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(15) Ich trat an ihr Bett, doch sah sie mich nicht und gab keine Antwort, sondern stöhnte trocken und angstvoll vor sich hin, []. [RNC: H. Hesse. Peter Camenzind]

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Aus den Belegen wird ersichtlich, dass in vielen Fällen nur die ganze PhK [vor sich hin + VCom] und nicht ihre unmittelbaren Konstituenten [vor sich hin] und [VCom] übersetzbar sind. Zwar finden sich auch Äquivalente von vor sich hin wie das grammatische Phrasem pro sebja für sich (7 Belege) und das Idiom sebe pod nos ≈ sich selbst unter die Nase (6 Belege), doch handelt es sich in den übrigen 33 Kontexten um eine in solche diskreten Konstituenten nicht aufteilbare holistische Übersetzung des VP-Prädikats. Dies ist ein zusätzlicher Beweis dafür, dass wir es hier mit einer Konstruktion im Sinne der KxG und nicht mit einer additiven Kombination von Elementen zu tun haben.

Was die PhK-Version [vor sich hin + VVisual] betrifft, hat sie eindeutig mehr konkret-spatiale Spuren in ihrer Semantik als [vor sich hin + VCom]. Dies ist aus der Analyse der Corpusbelege evident. In 11 Fällen von 17 wird diese Konstruktion mithilfe von [pered soboj + VVisual] (pered soboj heißt wörtlich vor sich) übersetzt. Jedoch finden sich auch Belege wie (16).

(16) Einzelne freilich saßen, den Kopf in die Hände gestützt, am Tische und starrten vor sich hin. [RNC: Th. Mann. Der Zauberberg]

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Die russische Übersetzung gljadja pered soboj nevidjaščim vzorom heißt wörtlich mit einem nichtsehenden Blick vor sich starrend. Hier wird also neben der spatialen Komponente vor sich auch die Idee des In-sich-gekehrt-seins wiedergegeben.


[1] Die Wörterbücher liefern zu diesen Konstruktionen nicht einmal rein grammatische Angaben. So steht hinter der Form sich in vor sich hin ein akkusativisches (vgl. Ich döse vor mich hin) und in vor sich her ein dativisches Pronomen (vgl. Ich schiebe alles immer vor mir her). Diese Angaben fehlen in den einschlägigen Wörterbüchern.

[2] Da das Adverbial vor sich hin hier nicht die (kompositionell zu erwartende) lokale Bedeutung hat, sondern als eine Umstandsbestimmung der Art und Weise fungiert, ist seine semantische Symbiose mit dem betreffenden Verb viel stärker ausgeprägt. Im Unterschied zu standardmäßigen Adverbialbestimmungen ist vor sich hin nicht erfragbar; vgl. * Wie arbeitet er? Vor sich hin oder * Wie lacht er? Vor sich hin.

[3] Vgl. in diesem Zusammenhang eine viel genauere Semantisierung dieser deiktischen Elemente im Vortrag von E. König auf der 47. IDS-Jahrestagung 2011 zum Thema Zum Stellenwert der Kontrastiven Linguistik innerhalb der vergleichenden Sprachwissenschaft: her in Richtung des Orientierungszentrums und hin weg vom Orientierungszentrum.

[4] In (Duden-GWDS 1999) ist die PhK vor sich hin doppelt erfasst: unter vor und unter hin.

[5] Vgl. allerdings eine andere Interpretationsmöglichkeit in (Dobrovolskij 2010).

[6] Es finden sich ferner 9 homonyme Wortverbindungen mit spatialer Semantik, die hier ausgeklammert werden. Vgl. hält den Strauß vor sich hin; plötzlich warf Thomas Buddenbrook das Pincenez vor sich hin auf den Tisch; seinen Ellenbogen weit vor sich hin auf den Tisch gestützt; legte ein Paket Zeitungen als Akten vor sich hin; zog sein Buch wieder vor sich hin; seinen Zylinder vor sich hin hielt; pflanzt sich vor mich hin; trat vor mich hin.